Auf der Suche nach dem Heiligen Gral des Freitauchens
Ansichten und Einsichten von Dieter Baumann


Wir sind alle Suchende, zumindest fast alle.
Die meisten wissen es gar nicht, viele tun es gezielt, einige wenige haben gefunden.

Aber was suchen wir? Kann jeder es für sich definieren? Die Hektik unseres Alltages reißt ja jeden herum. Tagsüber der Job, abends Familie. Irgendwo dazwischen eingeschoben etwas Sport.
Kampf der Geißel des Bürostuhls. Entspannung für den Geist und körperliche Ertüchtigung in einem. Für den einen Tennis für den anderen Golf. Natürlich sind da noch mehr Sportarten, aber geht es dabei nicht immer ums besser Sein, ums Gewinnen, den anderen zu schlagen.

Ich tauche schon seit vielen Jahren, mit und ohne Presslufttauchausrüstung. Tanz der Stille und Schwerelosigkeit. Aber Tauchen ist immer irgendwie mit Urlaub verbunden. Zumindest ist das die allgemeine Ansicht. Dabei geht das wunderbar auch zwischendurch.
Nach vielen Jahren und dementsprechend vielen Presslufttauchgängen die persönliche Einsicht: Freitauchen befreit. Kein Luftvorrat, der die Wasserzeit begrenzt, keine Gefahr eines Dekounfalls. Einfach herumschwimmen nach Lust und Laune. Gerätetauchgänge reduzieren sich ab jetzt auf Spezialfälle.
Die letzten Jahre haben dem Apnoetauchen einen enormen Aufschwung gebracht. Der Film „Im Rausch der Tiefe“ tat das seinige dazu. Kusshand an Luc Besson. Die Gründung des Apnoeweltverbandes A.I.D.A. tat den Rest und legte endlich offizielle Regeln fest.
Oh ja, ich war vom Anfang an dabei, national und international, und oh ja, ich habe mir meine Titel und Rekorde geholt. Jeder neue Rekord ein absolutes Hochgefühl, jeder Tauchgang außerhalb des harten Trainings irgendwie etwas Besonderes, ein Gefühl das Erinnerungen an die Freiheit von Apnoetauchgängen vor den Rekordjagden. Als Suchender begann ich langsam zu begreifen, dass ich überhaupt suche, denn Meistertitel und Bestmarken sind äußerst vergängliche Dinge und ständig zu erneuern.

Im 40cm tiefen Wasser liegend beobachtete ich eine Köcherfliegenlarve, wie sie in ihrem eineinhalb Zentimeter langen Häuschen aus Miniatursteinchen herumkabbelte, und das eine Stunde lang. Ich hatte meinen ersten Schluck aus dem Kelch getrunken, natürlich ohne es zu wissen.

Die Apnoeszene entwickelte sich weiter und ich begann die Freitaucher genauer zu beobachten. Viele Athleten wissen gar nicht, welchen schönen Sport sie ausüben. Fixiert auf ihre Leistungen im Wettkampf reden sie darüber, wie toll Apnoetauchen ist, ohne es wirklich zu fühlen. Auch die Farce vieler, wie erhebend es wäre, mit Delphinen zu tauchen, lässt mich nur schmunzeln. Eine Ikone die man sich ohne Probleme erfüllen kann und auch sollte, ich habe es schon vor langer Zeit getan.

Im seichten Wasser über die Felsen schwimmend entdecke ich einen komischen kleinen Stein. Dieser stellt sich als getarnte Sepia heraus. Die nächsten 2 Stunden bieten ein Schauspiel der Superlative.
Diese Sepia tarnt sich für die Jagd. Kaum kommt ein kleines Beutetier in die Nähe, formen sich ihre acht Tentakel zu einer Pfeilspitze auf die Beute zielend, pulsierende Farbwellen jagen über den Körper; kommt der Fisch nahe genug, schießen die zwei Fangpeitschen hervor, saugen sich am Fisch fest und transportieren ihn zum Maul.

Dieses Mal hielt ich den Gral in der Hand und nahm mit vollem Bewusstsein einen Schluck daraus.

Länger oder tiefer als andere zu tauchen ist überhaupt kein Thema mehr, nur meinen persönlichen Standard zu halten ist mir wichtig. Erlebnis pur ist die Maxime. Lange Zeit glaubte ich alleine dazustehen, aber siehe da, zwischenzeitlich habe ich einige Gleichgesinnte gefunden.
Ich brauche es nicht jeden Tag ins Wasser zu steigen. Allein der Gedanke in 10 oder 14 Tagen einen Tauchtag zu machen, hält mich die ganze Zeit frisch. Dieselbe Tauchstelle ist jedes Mal anders und immer wieder aufs Neue interessant. Der Tauchgang selber ist wie das Drücken eines Reset-Knopfes für den Kopf. Der innere Frieden stellt sich automatisch ein und ist Labsal für die Seele.

Schönes Wetter ist für das kommende Wochenende angesagt, welchen See werde ich wohl diesmal besuchen?
Der Gral wartet jetzt sowieso überall....

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