Die totale Leichtigkeit
von Gerhard Stummer / Fotos Dieter Baumann


Ich habe immer schon geschnorchelt. Ob zu Hause im Fluss, der durch unsere Stadt fließt oder im Urlaub am Meer. Als Kind war ich nicht aus dem Wasser zu bekommen. Ich verdiente mir im Urlaub sogar mein Eisgeld, indem ich Muscheln für die Italiener auftauchte. Auch als Teenager in der Schule war ich all die Jahre der beste Streckentaucher. Das Wasser war mein Element und bei all meinen Tauchgängen hatten ich das Gefühl der totalen Leichtigkeit. Nun ja, dann begann das mit den Mädchen und meine Tauchausflüge wurden weniger.
Die Jahre vergingen und es gab viele Urlaube am Meer wo ich nicht einmal eine Tauchmaske mithatte.
Tag 1: Freue mich schon sehr darauf endlich ins Wasser zu kommen, nach dem Check der Ausrüstung und Slippen des Bootes geht es zur einer kleinen vorgelagerten Insel, wo wir trotz des starken Seegangs eine ruhige Bucht zum Tauchen finden. Dieter macht sofort eine kleine Scholle im Sand ausfindig und am Ende der Bucht kann ich erstmals Geiß- und Spitzbrassen sehen. Schon dieser erste Tag überrascht mich mit der Zahl der Fische die ich zu Gesicht bekommen, und auch deren Größe!
Mein Interesse am Schnorcheln flammte durch meine eigenen Kinder wieder auf. Campingurlaube für die ganze Familie in Kroatien und im Gepäck ein 4,5m Schlauchboot für Ausflüge. Auch meine Kinder sind nicht aus dem Wasser zu bekommen. Eines Tages machte ich nur mit meiner älteren Tochter eine Ausfahrt. An einer besonders schönen Stelle machte ich einen tiefen und langen Tauchgang und auf einmal war es wieder da, dieses Gefühl der totalen Leichtigkeit. Jetzt wusste ich was mir gefehlt hatte. Ich versuchte es beim nächsten Tauchgang zu duplizieren, es gelang nicht. Es gelang aber auch den restlichen Urlaub nicht mehr diese Leichtigkeit beim Tauchen zu finden.
Tag 2: Der noch immer hohe Seegang führt uns wieder in „unsere“ nicht weit vom Quartier entfernte Bucht. Wir beginnen wieder unsere Suche und bald hat Dieter einen Oktopus entdeckt, der sich mit einer großen Steckmuschelschale schmückt, ein weiterer hat sich eine tote Sepia in sein Loch geholt und dadurch sein Versteck verraten. Eine Muräne, ich wusste nicht, welch schöne und farbintensive Zeichnung sie haben, lugt unter einem Stein hervor. Es ist das erste mal, dass ich in Kroatien eine Muräne zu Gesicht bekomme. Aber heute scheint der Tag des Oktopus zu sein, direkt vor uns streift noch einer freischwimmend durch sein Revier.
Dieser Tag wäre perfekt gewesen wenn wir nicht noch ganz ins Seichte der Bucht geschwommen wären. Neben dem dort befindlichen kleinen Anlegesteg liegen sicher mehr als 20 tote Katzenhaie am Meeresboden, sie waren einem Fischer ins Netz gegangen und fanden hier ihr ungewolltes Ende. Eine Auswirkung der kommerziellen Fischerei, hier ändert sich doch meine etwas idyllische, verklärte Einstellung zu den Fischern.
Es lies mich nicht los. Zurück in Österreich begann ich meine Suche. Es musste eine Möglichkeit geben es gezielt zu erlernen. Meine Internetrecherche begann. Es war ziemlich schnell klar wer von den Apnoekursanbietern meine Anforderungen erfüllte, trotzdem kontaktierte ich mehrere Personen aus der Szene direkt. Die Antwort war immer gleich: Du willst wirklich Apnoe lernen? Dann geh zum Baumann! Gesagt getan und ich buchte den letzten Freiwasserkurs für dieses Jahr.
Tag 3: Die Kapriolen des Wetters lassen uns einen Ruhetag einlegen. Wir erledigen einige Einkäufe und setzen uns dann wie normale Touristen in ein Kaffee. Einfach drauflosplaudern, das bereits Erlebte ausdiskutieren, überhaupt erst einmal verarbeiten und einfach nichts tun...
Für morgen ist besseres Wetter angesagt.

Wir treffen uns morgens zum Kurstermin am Neufeldersee. Es ist schon spät im Jahr und der Herbst ist stark zu spüren. Der Himmel ist bewölkt, es ist ziemlich kühl und Dieter hat eine Statur, die genau dem Gegenteil eines Athleten entspricht. Er deutet meinen Blick und sagt lachend, ich war immer schon ein 100kg Mann und das ist in den letzten Jahren nicht weniger geworden. Ich frage wo die anderen Kursteilnehmer sind und Dieter sagt die sind schon einen Level höher und steigen erst morgen ein. Zwischenzeitlich fängt es noch zu regnen an, meine Stimmung erreicht einen gewissen Tiefpunkt.

Tag 4: Wieder im Wasser, an der Küste entlang zu einer Stelle die einen Fischreichtum zeigt wie ich ihn noch nie gesehen habe. Lautloses Bewegen im Wasser zeigt mir die Unterwasserwelt auf eine nie gesehen Weise, ich kann Meeräschen und Schwärme von großen Goldstriemen beim Abweiden der Algen, Gruppen von vorbeiziehenden Goldbrassen und Lippfische beim Nestbau beobachten. Große Goldbrassen und Spitzbrassen an die ich jetzt immer näher rankomme, bis sie mich doch bemerken und dann zielstrebig, aber nicht fluchtartig, ins tiefe Wasser ziehen. Ich habe schon etwas dazugelernt.....
Theoriesession, Atemtechnik und jetzt geht es ins Wasser. Dieter ist schon drinnen, taucht kurz ab und schaut dann wo ich bin. Der Regen trommelt auf meine Kopfhaube, mir ist kalt und eigentlich würde ich lieber nach Hause fahren. Dieter schaut mich an und sagt: Zier dich nicht so, du bist ja sonst auch viel im Wasser und das hat heute hier eine tolle Sicht, ist angenehm warm und der Regen verbreitet eigentlich nur Stille. Ich steige über die Leiter hinein und wirklich: Badewannentemperatur, 15 Meter Sichtweite und der schnurgerade herabfallende Regen gibt das Gefühl totaler Ruhe. Dieter macht noch einige Erklärungen und weist noch einmal darauf hin, dass es sehr wichtig ist wirklich das zu befolgen was er sagt und bereits einige Tauchgänge später spüre ich es wieder, das totale Gefühl der Leichtigkeit, und diesmal bei jeden Tauchgang und duplizierbar, ich kann es kaum glauben.
Tag 5: Der heutige Tag führt uns zu einer Überraschung: Dieter hat eine Menge ganz spezieller Tauchplätze in petto und einen wollen wir heute besuchen. Das Meer ist ruhig und wir können den weiten Ausflug wagen. Nach 1 ¼ Stunden Bootsfahrt legen wir an einer Insel, die steil aus dem Meer ragt, an. Diese Insel besteht größtenteils aus verschiedenen Gesteinschichten aus denen versteinerte Äste und Stämme herausragen und auch komplett freigelegt Äste am Boden liegen. Ein Märchenwald aus Fossilien! Besonders beeindruckend ist die Steilwand: Hier ragen die Äste direkt aus der Wand in das freie Wasser, ein einzigartiger Anblick!
An der Kante einer Spalte sehe ich einen großen Drachenkopf der auf Beute lauert. Er schnappt auch gleich reflexartig nach einer für ihn viel zu großen Brasse, so schien es mir, aber vielleicht hätte sie doch in sein großes Maul gepasst? Gelbe Gorgonien, einige an einer Felskante schwimmende Seriolas und große Schwärme von Mönchsfischen sind der Abschluss unseres Besuches, erst in der Dunkelheit erreichen wir unser Appartement.
Am zweiten Kurstag mache ich meinen ersten Tieftauchgang nicht nur mit dem Gefühl der Leichtigkeit sondern auch ohne nur irgendwelche Anzeichen von Lufthunger. Dieter mutiert für mich zum Wunderguru. Er taucht bei jedem Teilnehmer und Versuch mit, schaut ganz genau zu, korrigiert und hilft sofort, manchmal habe ich den Eindruck er könne Gedanken lesen. Am letzten Kurstag gehen wir noch zum Abschluss in die nahegelegene Pizzeria um noch ein bisschen privat zu plaudern. Ich sage Dieter, dass ich unbedingt den ***Freediver machen möchte und wir mal gerne privat mit meinen Boot einen Kroatienausflug machen könnten. Dieser lacht mich nur an: Schauen wir einmal, wenn ich von meinen jetzt bevorstehenden Apnoe-Urlaub zurück bin können wir gerne einmal auf einen Kaffee gehen.
Tag 6: Vis ist heute unser Ziel, und das Wrack der TETI , das beladen mit Granit im Westen der Insel gesunken ist. Beim Suchen wird der hohe Seegang und die immer stärker werdende Strömung so unangenehm, dass wir beschließen den Tauchgang abzubrechen und in eine ruhige Bucht auszuweichen. Aber wir haben noch ein großes Erlebnis bei unserer Suche nach dem Wrack: ein großer Schwarm silbrig glänzender Seriolas taucht aus dem blauen Nichts auf, das größte Tier sicher 7 bis 8 kg schwer.
In der geschützten Bucht angekommen, sehe ich erstmals eine große Gruppe von Meerraben. Sie stehen in 10 Meter Tiefe an einer Felskante unter der sich ihr perfektes Zuhause befindet, ein Labyrinth von Gängen und Höhlen. Die Fische stehen mit einer unglaublichen Eleganz im Wasser, bewegen sich rasch und grazil und stehen plötzlich unbeweglich und uns beobachtend im Wasser. Ich kann nur schwer den Eindruck vermitteln, den diese Fische auf mich gemacht haben. Sie bewegen sich ganz anders als .alles was ich bisher gesehen habe, und sie werden sofort zu meinen Favoriten erklärt.
Dieter meint, dies sei heutzutage ein sehr seltener Anblick, schade, aber ich bin froh dabei gewesen zu sein!
Einige Wochen später war es an der Zeit mit Dieter auf einen Kaffee zugehen. Bei mir hatte sich zwischenzeitlich einiges getan. Nicht nur, dass ich täglich die Atemübungen aus den Kursen zum reinen Entspannen machte, sondern ich betrachtete Apnoe auch als Lifestyle. Mein kleines Boot hatte ich verkauft um Platz für ein größeres zu haben. Ich wusste, dass Dieter seine Kurse sowieso immer nur in kleinen Gruppen abhält um jedem einzelnen Teilnehmer optimal betreuen zu können. Aber beim nächsten wollte ich die unterrichtete Qualität mit niemanden teilen, einen Privatkurs also und da war noch etwas: Dieter ist einer der wenigen Apnoeinstruktoren, der wirklich ständig auch privat tauchen geht. Was andere nur erzählen das lebt er. Egal ob Fluss, See oder Meer, sein Repertoire an Tauchplätzen ist unglaublich, und ich wollte einmal in Kroatien tauchen gehen und dabei wirklich Fisch zu sehen bekommen.
Tag 7: Wieder nach Vis und diesmal spielt das Wetter mit: Schnell haben wir heute die TETI gefunden und ich bin einige Male abgetaucht, leider macht eingeschränkte Sicht es unmöglich das Wrack in seiner gesamten Länge zu sehen, aber das Heck mit dem im „Nebel“ stehenden Steuerrad ist sehr beeindruckend und ein schöner Trost, ich komme sicher wieder um es bei bessere Sicht zu betauchen. Die Horden einfallender Gerätetaucher hat uns schnell zum Aufbruch bewegt, bei der abschließenden Umrundung der Insel begegnet uns ein Pärchen großer Papageienfische, wunderschön rot gefärbt, ich kannte diese Fische bis jetzt nur vom Roten Meer!
Bisevo soll der nächste Zwischenstop sein. Extreme Strömung in einer Wasserlandschaft mit riesigen Steinblöcken und einem lustigen Erlebnis: Ich habe Boje mit Seil, an dessen Ende sich ein Karabiner befindet nahe dem Ufer abgelegt. Nach mehrmaligem Abtauchen will ich weiter, ein kleiner Oktopus hindert mich daran. Wie? Er hat sich in eben diesen Karabiner verschaut und will um keinen Preis sein Spielzeug hergeben, erst nach längerem hin und her, bei dem er sich sogar auf meine Hand setzt, gehe ich doch als Sieger hervor. Noch immer kampflustig verfolgt er mich am Fels entlang, in der Hoffnung, vielleicht doch noch sein Spielzeug zu ergattern. Ein wirklich netter Abschied, und auch diesmal erfolgt die Rückfahrt erst in der Dunkelheit.
Bei unserem Treffen fragte ich Dieter nach den Möglichkeiten für den *** Freediver Privatkurs. Terminkalender ausgepackt und wenig später war alles fixiert. Aber mir lag noch die andere Sache am Herzen: Machst Du eigentlich auch Tauchbegleitungen? Dieter schaute mich an. An welche Art der Begleitung hast du denn gedacht? Ich möchte Fisch sehen und an Steilwänden hinabfallen antwortete ich. Dieter öffnete seinen Laptop um mir einige Fotos von Ausfahrten zu zeigen. Danach war alles klar. Werde ich auch Goldbrasse und Wolfsbarsch zu sehen bekommen? Dieter schmunzelte: Goldbrassen garantiert, Wolfsbarsch, wir werden sehen.
Tag 8: Am letzten Tag gibt es noch eine kleine Runde zu einigen Plätzen an denen wir schon waren, heute muss auch das Boot wieder aus dem Wasser und weite Ausflüge wollen wir keine mehr machen.
Und doch gibt es auch am letzten Tag wieder eine seltene Begegnung: Ich traue meinen Augen nicht, aus der Tiefe schwimmt ganz ruhig ein ungewöhnlicher Fisch direkt auf mich zu, ein schöner blauer Rotmeerdrücker. Ich versuche ihn ganz langsam direkt anzutauchen, er ist scheinbar nicht ganz damit einverstanden, nach kurzer Gedankenpause verschwindet er mit seinem typischen Flossenschlag genau dorthin, von wo er gekommen war.
Noch im Wasser liegend verschmilzt das Seegras unter mir mit meinen Gedanken. Ich hätte niemals vermutet welchen Fischreichtum es in Kroatien gibt. Ich war viele Jahre Schnorcheln und tauchen und kannte nur die leeren Küsten mit den sich tummelnden Schriftbarschen und Lippfischen. Erst unter der ausgezeichneten Anleitung und Begleitung von Dieter hat sich mir diese Welt neu erschlossen. Mit guter Vorbereitung, Einsatz und seiner Geduld hat er mir ein ganz neues Bild vom Apnoetauchen vermittelt. Ich freue mich schon auf ein nächstes Mal! Ach ja, auch einen Wolfsbarsch konnte ich beobachten, zwar nur wenige Sekunden, dafür aber ein stattliches Exemplar.
Endlich konnte die lange gebuchte Tauchausfahrt beginnen, der *** Freediver-Kurs war schon längst Geschichte, eine weitere positive und weiterbringende Erfahrung. Die Reise von Wien nach Split wurde durch einen Zwischenstop unterbrochen, wir holten mein Boot von seinem Einstellplatz ab.
Bei starkem Jugo ging es mit der Fähre in den Sonnenuntergang hinein Richtung Insel Hvar, unserer Drehscheibe für Bootsausflüge auf die verschiedenen benachbarten Inseln, bei schlechten Wetter blieb noch immer die Alternative die Ausflüge vom Auto aus zu machen, Dieters Standardpraxis. Über enge Strassen geht es in einen abenteuerlichen, grob in den Stein gehauenen Tunnel, an dessen Ende einem ein großartiger Blick auf den Süden der Insel erwartet. Ich bin schon gespannt welche Fische ich morgen zusehen bekomme.
Alle Bilder Copyright Dieter Baumann - keine Verwendung ohne schriftliche Genehmigung

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